Die Deutschen werden immer älter, aber auch immer kränker. Was ist zu tun?
In den kommenden zehn bis 15 Jahren gehen die zahlenmäßig stärksten Jahrgänge in den Ruhestand, darunter auch 30 Prozent des Gesundheitsfachpersonals. Das bringe das deutsche Gesundheitssystem zusätzlich unter Druck, wenn nicht rasch umgesteuert wird, meint der Wissenschaftsrat. Er dringt darauf, Gesundheit und nicht Krankheit und Reparatur in den Mittelpunkt zu stellen.
Trotz des
breiten Wissens über Prävention gelinge sie bisher kaum. „Man weiß, was zu tun
ist; man muss es nur endlich auch tun“, sagt der Vorsitzende des
Wissenschaftsrats, der Heidelberger Neurologe Wolfgang Wick. Eine starke
Prävention und Gesundheitsförderung seien keine netten Beigaben, „sie sind
systemrelevant – für die Sicherung unserer Gesundheits- und Sozialsysteme, aber
auch für unsere Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt für den
gesellschaftlichen Zusammenhalt“.
Trotz des
teuren Gesundheitswesens
In
Deutschland werden Menschen zwar immer älter, aber auch kränker. Bei der
Lebenserwartung hinkt Deutschland hinterher, obwohl es sich mit 500 Milliarden
Euro eines der teuersten Gesundheitssysteme im internationalen Vergleich
leistet. Der Expertenrat Gesundheit & Resilienz schätzte die Anzahl
vermeidbarer Todesfälle in Deutschland im Jahr 2021 auf 203.000, davon wären
138.000 durch Prävention vermeidbar. Denn am häufigsten sterben Menschen hier
an Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronisch-obstruktiven
Lungenkrankheiten, alkoholbezogenen Störungen und Suiziden.
Für den
Wissenschaftsrat sind all das Krankheiten, die durch eine konsequente
Verhaltensprävention und eine gezielte Regulierung von Alkohol, Zucker und
Tabak spürbar zu beeinflussen wären. Dabei will er niemanden bevormunden.
Belohnungssysteme für regelmäßige Bewegung und eine gesündere Lebensweise
könnte sich der Wissenschaftsrat (WR) allerdings durchaus vorstellen.
Auch im
Bereich der Bewegungsprävention sieht der Wissenschaftsrat großen
Handlungsbedarf. Laut DKV Report 2025 erreichen nur 30% aller Bundesbürger die
wöchentliche Empfehlung der WHO von 2 x 45min Krafttraining und 150min
Ausdauersport und zwar in allen Altersgruppen
In den
kommenden zehn bis 15 Jahren gehen die zahlenmäßig stärksten Jahrgänge in den
Ruhestand, darunter auch 30 Prozent des Gesundheitsfachpersonals. Das bringe
das deutsche Gesundheitssystem zusätzlich unter Druck, wenn nicht rasch
umgesteuert wird, meint der Wissenschaftsrat. Er dringt darauf, Gesundheit und
nicht Krankheit und Reparatur in den Mittelpunkt zu stellen.
Trotz des
breiten Wissens über Prävention gelinge sie bisher kaum. „Man weiß, was zu tun
ist; man muss es nur endlich auch tun“, sagt der Vorsitzende des
Wissenschaftsrats, der Heidelberger Neurologe Wolfgang Wick. Eine starke
Prävention und Gesundheitsförderung seien keine netten Beigaben, „sie sind
systemrelevant – für die Sicherung unserer Gesundheits- und Sozialsysteme, aber
auch für unsere Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt für den
gesellschaftlichen Zusammenhalt“.
Vernetzung
und Wissenstransfer
Das
Beratungsgremium von Bund und Ländern empfiehlt verantwortlichen
Gesundheitspolitikern in seinem Positionspapier „Für Prävention und
Gesundheitsförderung“ ein entschlossenes Handeln, die stärkere Vernetzung der
Expertise verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, einen effektiven
Wissenstransfer, starke öffentliche Gesundheitsstrukturen sowie eine präventiv
und interprofessionell wie interdisziplinär ausgerichtete Versorgung.
Prävention
birgt aus Sicht des WR auch wirtschaftliche Chancen – zu den konkreten
Vorschlägen gehört vor allem eine bessere Datengrundlage. Wick erinnerte daran,
dass Deutschland während der Corona-Pandemie auf Daten aus dem Ausland
angewiesen war.
Der
erleichterte Forschungszugang zu Daten – bei striktem Datenschutz und hoher
Sicherheit – sei im Gemeinwohlinteresse, besonders für innovative Ansätze wie
den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, gibt der Wissenschaftsrat zu bedenken.
Neue Präventionsmaßnahmen sollten in Experimentierräumen, beispielsweise in
Betrieben und Schulen, erprobt werden und dabei Kinder, Jugendliche und
Geschlechteraspekte stärker einbeziehen.
Gesundheitskompetenz
und Gesundheitskommunikation müssten verbessert werden und kulturelle wie
soziale Faktoren berücksichtigen. Es ist bekannt, dass Menschen mit niedriger
Bildung in ungünstigen Lebenslagen auch eine deutlich niedrigere
Lebenserwartung haben als hohe Bildungsgruppen in wohlhabenden Regionen.
Von der
Schule an
Das
Beratungsgremium denkt Gesundheitserziehung von der Schule an, um früh
Verantwortung für die eigene Gesundheit zu fördern und soziale Nachteile
auszugleichen. Denn gerade die gefährdeten Gruppen werden oft nicht durch
Prävention erreicht. Für eine wirksame Präventionsforschung seien
interdisziplinäre Strukturen nötig – etwa Präventionszentren an Hochschulen,
die Medizin, Gesundheitswissenschaften, Psychologie, Sozial- und
Umweltwissenschaften verbinden.
Dafür nötig
sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, öffentlichem
Gesundheitsdienst und Praxis. Auch die Ausbildung in Medizin und
Gesundheitsberufen sollte stärker präventionsorientierte Denkweisen vermitteln,
was bisher nicht der Fall ist. Prävention müsse deshalb als Schwerpunkt in
Studium, Lehre, sowie Aus- und Weiterbildung der medizinischen und medizinnahen
Berufe gestärkt werden, so der WR.
Auch brauche
es eine verbindliche Verständigung in sämtlichen sektoralen Teilsystemen, die
einen wesentlichen Einfluss auf Gesundheit haben – vom Agrar- und Ernährungs-
bis hin zum Verkehrs- und Mobilitätssektor. Gesundheit müsse als verbindliches
Ziel in allen Politikbereichen – etwa Bildung, Arbeit, Wirtschaft, Ernährung
oder Umwelt – verankert werden.
Gesamtstaatliche Strategie fehlt
Eine
politikfeldübergreifende Ausrichtung brächte mehrfachen Nutzen, da sie auch
anderen gesellschaftlichen Zielen wie dem Klimaschutz und der
Fachkräftesicherung dienen könnte. Bisher sei Prävention durch unterschiedliche
Akteure auf unterschiedlichen Ebenen in Kommunen, Ländern und Bund geprägt,
eine gesamtstaatliche Strategie jedoch fehle.
Außerdem
müsse die Wirksamkeit bestehender Präventionsmaßnahmen gemessen werden. Wenn es
nicht gelinge, umzusteuern und durch mehr Prävention schwere Krankheiten zu
verhindern, wird es aus Sicht des WR zu einer finanziellen Implosion kommen.
Mit dem Renteneintritt der Boomer-Generation könnten die
Sozialversicherungsbeiträge bis 2035 auf rund 50 Prozent steigen und
Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Wirtschaft erheblich belasten.

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