55 Milliarden Euro pro Jahr: Was Übergewicht Deutschland wirklich kostet

 


Eine neue Studie aus acht europäischen Ländern – genau gelesen, sauber eingeordnet

Vielleicht hast Du die Schlagzeile auch gesehen: „Fettleibigkeit kostet die britische Wirtschaft jährlich 20 Milliarden Pfund“. Klingt nach einem britischen Problem. Ist es aber nicht. Denn hinter der Meldung steckt ein Bericht, der acht europäische Länder durchgerechnet hat – und in absoluten Zahlen liegt Deutschland an der Spitze: 55,2 Milliarden Euro pro Jahr. Das sind rund 662 Euro für jeden Menschen in diesem Land, vom Baby bis zur Rentnerin.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was genau in der Studie steht, wie die Zahlen zustande kommen, wo ihre Schwächen liegen – und was das alles mit Dir und Deinem Alltag zu tun hat.

Woher die Zahlen stammen

Die Grundlage ist der Bericht „The economic burden of overweight and obesity in Europe“ des Office of Health Economics (OHE) in London, veröffentlicht am 24. September 2026. Autoren sind George Bray, Paul Oyalo, Hania El Banhawi, Sukanya Subramaniyan und Chris Skedgel. Untersucht wurden Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Irland, Griechenland und Rumänien – bewusst eine Mischung aus großen und kleinen, reichen und ärmeren Ländern mit unterschiedlichen Gesundheitssystemen.

Wichtig gleich vorweg: Es handelt sich um einen Auftragsbericht, keine begutachtete Fachstudie. Beauftragt und bezahlt hat ihn die EFPIA, der europäische Dachverband der Pharmaindustrie. Das macht die Zahlen nicht automatisch falsch – aber Du solltest es im Hinterkopf behalten, wenn wir später zu den Schlussfolgerungen kommen.

Die wichtigsten Ergebnisse auf einen Blick

Über alle acht Länder hinweg werden einem erhöhten BMI jedes Jahr rund 278.000 Todesfälle und knapp 8 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre (DALYs) zugeschrieben. Die wirtschaftlichen Gesamtkosten liegen je nach Land zwischen 0,7 und 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung:

Land

Direkte Kosten

Indirekte Kosten

Gesamt

Pro Kopf

% BIP

Deutschland

30,3 Mrd. €

24,9 Mrd. €

55,2 Mrd. €

662 €

1,3 %

Großbritannien

14,2 Mrd. £

19,6 Mrd. £

33,8 Mrd. £ (≈ 43,2 Mrd. €)

488 £

1,4 %

Frankreich

19,2 Mrd. €

4,1 Mrd. €

23,3 Mrd. €

343 €

0,8 %

Italien

12,9 Mrd. €

7,5 Mrd. €

20,3 Mrd. €

345 €

0,9 %

Spanien

14,9 Mrd. €

4,7 Mrd. €

19,6 Mrd. €

401 €

1,2 %

Griechenland

2,3 Mrd. €

1,1 Mrd. €

3,4 Mrd. €

328 €

1,4 %

Irland

1,5 Mrd. €

1,7 Mrd. €

3,2 Mrd. €

598 €

1,1 %*

Rumänien

1,1 Mrd. €

1,4 Mrd. €

2,5 Mrd. €

131 €

0,7 %

Summe (8 Länder)

≈ 100 Mrd. €

≈ 70 Mrd. €

≈ 170 Mrd. €

 

 

Quelle: OHE 2026, Werte für 2024. *Irland: bezogen auf das modifizierte Bruttonationaleinkommen. Summenzeile: eigene Addition, gerundet.

Die viel zitierten „20 Milliarden Pfund“ aus der Schlagzeile sind übrigens nur ein Teil der britischen Rechnung: Es sind die indirekten Kosten von 19,6 Milliarden Pfund, also Produktivitätsverluste. Rechnet man die 14,2 Milliarden Pfund Behandlungskosten dazu, landet Großbritannien bei 33,8 Milliarden Pfund.

Deutschland im Detail

Für Deutschland lohnt ein genauerer Blick, denn hier sieht die Kostenstruktur anders aus als in Großbritannien:

Kostenblock

Mrd. € / Jahr

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

8,7

Chronische Nierenerkrankung

8,3

Muskel-Skelett (z. B. Arthrose, Rückenschmerz)

6,1

Typ-2-Diabetes

3,8

Verdauungserkrankungen

1,7

Sonstige (u. a. Demenz, Asthma, Leber, Krebs)

1,7

Summe direkte Kosten

30,3

 

Indirekte Kosten

Mrd. € / Jahr

Fehltage (Absentismus)

8,7

Erwerbsaustritt / wirtschaftliche Inaktivität

6,8

Weniger Leistung trotz Anwesenheit (Präsentismus)

4,3

Unbezahlte Pflege durch Angehörige

3,4

Vorzeitige Todesfälle

1,7

Summe indirekte Kosten

24,9

Quelle: OHE 2026, eigene Übersetzung der Kategorien.

Drei Dinge fallen auf. Erstens: Der größte Einzelposten bei den Behandlungskosten ist nicht Diabetes, sondern das Herz-Kreislauf-System, dicht gefolgt von den Nieren. Zweitens: Muskel- und Gelenkprobleme kosten fast doppelt so viel wie Typ-2-Diabetes – ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte fast nie vorkommt, im Trainingsalltag aber ständig sichtbar ist. Drittens: Bei den indirekten Kosten dominieren in Deutschland die Fehltage, während in Großbritannien der vollständige Ausstieg aus dem Arbeitsleben der größte Posten ist.

Wie wurde gerechnet? Die Methodik verständlich erklärt

Solche Zahlen entstehen nicht durch Zählen, sondern durch Modellieren. Das ist legitim, aber Du solltest wissen, welche Annahmen drinstecken:

•     Datenbasis: Die Krankheitslast stammt aus der „Global Burden of Disease“-Datenbank (GBD 2023), der weltweit größten Sammlung von Gesundheitsdaten.

•     Direkte Kosten: Für 16 Erkrankungen wurde berechnet, welcher Anteil auf einen erhöhten BMI zurückgeht (sogenannter bevölkerungsattributabler Anteil). Dieser Anteil wird mit den nationalen Behandlungskosten der jeweiligen Krankheit multipliziert. Für Mehrfacherkrankungen wurde ein Korrekturfaktor aus England verwendet.

•     Indirekte Kosten: Verlorene Arbeitszeit wird mit landesüblichen Löhnen bewertet (Humankapitalansatz). Der Effekt auf den Arbeitsmarktausstieg stammt aus einer britischen Studie mit genetischer Methodik (Mendelsche Randomisierung): Pro BMI-Punkt steigt das Risiko, nicht erwerbstätig zu sein, um etwa 7,6 Prozent (Odds Ratio). Fehltage und Leistungseinbußen beruhen auf Befragungsdaten.

•     Was heißt „erhöhter BMI“? Hier steckt ein entscheidendes Detail: Die GBD-Methodik zählt Risiken bereits ab einem BMI von etwa 20 bis 23 – nicht erst ab 25 (Übergewicht) oder 30 (Adipositas). Die Kosten werden außerdem nicht getrennt nach Übergewicht und Adipositas ausgewiesen.

Kritische Einordnung: Was die Zahlen können – und was nicht

1. Die Finanzierung prägt die Botschaft. Der Bericht endet mit klaren Forderungen: Adipositas als eigenständige chronische Krankheit anerkennen, Stigma abbauen, den Zugang zu Behandlungen „entlang des gesamten Versorgungspfads“ verbessern. Ausdrücklich erwähnt wird, dass Abnehmmedikamente in Deutschland nach § 34 SGB V weiterhin als „Lifestyle“-Präparate von der Kassenerstattung ausgeschlossen sind. Dass ein Pharmaverband an diesem Punkt ein Interesse hat, liegt auf der Hand. Die Anerkennung als Krankheit fordern allerdings auch unabhängige Fachgesellschaften seit Jahren – inhaltlich ist das kein reines Industrie-Anliegen.

2. Andere Studien kommen zu anderen Zahlen. Für Großbritannien errechnete Frontier Economics im Auftrag der Stiftung Nesta 2025 allein Produktivitätsverluste von 30,8 Milliarden Pfund – deutlich mehr als die 19,6 Milliarden im OHE-Bericht. Für Deutschland schätzte ein Team der Universität Hamburg (Effertz et al., 2016) die Gesamtkosten der Adipositas auf rund 63 Milliarden Euro pro Jahr. Die Größenordnung ist also stimmig, die exakte Zahl hängt aber stark von Methode und Annahmen ab. Nimm die 55,2 Milliarden deshalb als gut begründete Schätzung, nicht als Messwert.

3. Zusammenhang ist nicht gleich Ursache. Die Daten zu Fehltagen und Leistungseinbußen stammen aus Querschnittsbefragungen. Die Autoren schreiben selbst, dass Kausalität damit nicht belegt werden kann. Menschen mit niedrigem Einkommen, Schichtarbeit oder chronischem Stress haben häufiger Übergewicht – und fehlen aus diesen Gründen möglicherweise auch häufiger. Umgekehrt räumen die Autoren ein, dass sie den Effekt an anderer Stelle eher unterschätzen könnten.

4. Britische Annahmen, europäisch hochgerechnet. Sowohl der Faktor für den Arbeitsmarktausstieg als auch die Korrektur für Mehrfacherkrankungen stammen aus britischen Daten. Ob sie auf das deutsche System mit Lohnfortzahlung, Erwerbsminderungsrente und anderem Sozialstaat übertragbar sind, ist offen – auch das steht selbstkritisch im Bericht.

5. Der BMI ist ein grobes Werkzeug. Er unterscheidet nicht zwischen Muskel und Fett und sagt nichts darüber, wo das Fett sitzt. Gerade das Bauchfett (viszerales Fett) ist für Herz, Leber und Stoffwechsel entscheidend. Der Taillen-Größen-Quotient – Taillenumfang geteilt durch Körpergröße, idealerweise unter 0,5 – ist für Dich persönlich oft aussagekräftiger.

6. Kosten sind nicht gleich Einsparpotenzial. Selbst wenn Übergewicht morgen verschwände, würden nicht 55 Milliarden Euro frei. Menschen werden älter und verursachen dann andere Kosten, Therapien kosten selbst Geld. Solche Berechnungen zeigen die Größe eines Problems – nicht den Betrag, den man mit einer bestimmten Maßnahme „zurückholt“.

Und was heißt das jetzt für Dich?

Makroökonomische Zahlen sind abstrakt. Hinter jedem Kostenblock stecken aber sehr konkrete Erfahrungen: Knieschmerzen beim Treppensteigen, Rückenprobleme im Büro, der Diabetes-Befund beim Hausarzt, das Gefühl, nachmittags nicht mehr leistungsfähig zu sein. Die gute Nachricht: Viele dieser Faktoren lassen sich beeinflussen – und zwar schon lange bevor die Waage ein „Wunschgewicht“ anzeigt.

•     Schon kleine Veränderungen zählen: Studien zeigen seit Jahren, dass bereits 5 bis 10 Prozent Gewichtsverlust Blutzucker, Blutdruck und Blutfette messbar verbessern und Gelenke entlasten.

•     Muskeln sind Dein Stoffwechsel-Organ: Krafttraining zwei- bis dreimal pro Woche verbessert die Insulinempfindlichkeit, stabilisiert Gelenke und schützt beim Abnehmen vor Muskelverlust. Gerade die hohen Kosten für Muskel-Skelett-Erkrankungen zeigen, wie wichtig ein belastbarer Bewegungsapparat ist.

•     Alltagsbewegung unterschätzen viele: Schritte, Treppen, Radfahren – all das summiert sich und wirkt auf Herz-Kreislauf-System und Blutzucker, unabhängig vom Gewicht.

•     Ernährung ohne Verbote: Mehr Eiweiß, Gemüse und Ballaststoffe, weniger hochverarbeitete Produkte und flüssige Kalorien. Keine Crash-Diät, sondern Gewohnheiten, die Du auch in drei Jahren noch lebst.

•     Medikamente als Baustein, nicht als Ersatz: 

   Moderne Abnehmmedikamente können für Menschen mit Adipositas eine echte Hilfe sein. Sie behandeln aber nicht die Ursachen – Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und Essverhalten bleiben die Basis. Ohne Training droht zudem ein erheblicher Muskelverlust.

•     Taille statt nur Waage: Miss regelmäßig Deinen Taillenumfang. Er zeigt Fortschritte oft früher und aussagekräftiger als das Körpergewicht.

Fazit

Der OHE-Bericht liefert keine neue Erkenntnis in dem Sinne, dass Übergewicht teuer ist – das war bekannt. Neu ist der einheitliche Vergleich über acht Länder und die klare Aussage: Ein großer Teil der Kosten – in Deutschland 45 Prozent, in Großbritannien sogar 58 Prozent – entsteht gar nicht im Gesundheitssystem, sondern am Arbeitsplatz und in den Familien. Deutschland trägt dabei in absoluten Zahlen die größte Last.

Die Zahlen sind Schätzungen mit nachvollziehbarer, aber angreifbarer Methodik, und der Auftraggeber verfolgt erkennbar eigene Interessen. Die Kernbotschaft steht trotzdem auf solidem Boden: Adipositas ist eine chronische Erkrankung mit enormen persönlichen und gesellschaftlichen Folgen. Sie verdient weder Schuldzuweisungen noch Schulterzucken, sondern gute Versorgung – und die beginnt mit Bewegung, Ernährung und Muskelkraft, ergänzt um medizinische Therapie dort, wo sie nötig ist.

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