Kreatin gegen Muskelverlust unter der Abnehmspritze?

 

Was hinter der neuen Idee von Ostojic & Galyean steckt – und was (noch) nicht bewiesen ist

Die Abnehmspritze hat die Adipositas-Therapie verändert. Wirkstoffe wie Semaglutid (Wegovy, Ozempic) oder Tirzepatid (Mounjaro) ermöglichen Gewichtsverluste von 15 bis über 20 Prozent – Werte, die man früher fast nur nach einer Magen-OP gesehen hat. Doch je länger diese Medikamente im Einsatz sind, desto lauter wird eine Frage: Was genau verlierst du eigentlich, wenn die Waage nach unten geht? Denn nicht jedes Kilo ist Fett. Ein Teil ist Muskulatur – und genau die brauchst du, um gesund, stark und selbstständig alt zu werden.

Am 21. September 2026 ist in der Fachzeitschrift Clinical Nutrition ein Meinungsbeitrag (Opinion Paper) erschienen, der genau hier ansetzt: „Creatine for Glucagon-Like Peptide-1-Associated Muscle Loss“ von Sergej M. Ostojic und Shannon Galyean. Ostojic ist einer der bekanntesten Kreatin-Forscher weltweit. Die These der beiden: Kreatin-Monohydrat – eines der am besten untersuchten Nahrungsergänzungsmittel überhaupt – könnte ein sinnvoller Begleiter der GLP-1-Therapie sein. In diesem Beitrag schauen wir uns an, was die Autoren vorschlagen, was dafür spricht, wo die Grenzen liegen und was das ganz praktisch für dich bedeutet.

1. Das Problem: Abnehmen ist nicht gleich Fett verlieren

Bei jeder Gewichtsabnahme geht auch fettfreie Masse verloren – dazu zählen Muskeln, aber auch Wasser, Organgewebe und Knochen. Das ist zunächst normal. Unter GLP-1-Medikamenten fällt dieser Anteil aber teilweise beachtlich aus. In der STEP-1-Studie mit Semaglutid stammten in der Körperzusammensetzungs-Messung (DXA) knapp 40 Prozent des verlorenen Gewichts aus der fettfreien Masse. Unter Tirzepatid (SURMOUNT-1) lag der Anteil bei etwa einem Viertel. In Übersichtsarbeiten werden je nach Studie und Messmethode Spannen von 15 bis 50 Prozent genannt.

Warum ist das so? Die Grafik von Ostojic und Galyean fasst die Kette sehr anschaulich zusammen. Die GLP-1-Therapie wirkt zuverlässig auf Körpergewicht und Fettmasse – das ist der etablierte Nutzen. Gleichzeitig laufen aber mehrere Mechanismen ab, die den Muskel unter Druck setzen:

•     Weniger Appetit – und damit eine deutlich geringere Energiezufuhr. Das ist gewollt, bedeutet für den Muskel aber: weniger Baumaterial und weniger Energie.

•     Weniger Eiweiß – wer insgesamt weniger isst, isst meist auch weniger Protein. Dem Muskel fehlen Aminosäuren.

•     Weniger mechanische Belastung – viele Betroffene bewegen sich wenig, Übelkeit und Müdigkeit tun ihr Übriges. Ohne Reiz kein Grund für den Körper, Muskeln zu erhalten.

•     Weniger anabole Signale – im Energiedefizit sinkt die Aktivität des mTOR-Signalwegs, des zentralen „Bauschalters“ für Muskelprotein.

Das Ergebnis bezeichnen die Autoren als hypothetische Verwundbarkeit der Skelettmuskulatur: weniger Magermasse, möglicherweise weniger Kraft, eine mögliche Einschränkung der körperlichen Funktion und ein Verlust an „metabolischer Widerstandskraft“. Der Muskel ist schließlich nicht nur für Bewegung zuständig – er ist unser größter Zuckerspeicher, ein wichtiges Stoffwechselorgan und ein Schutzfaktor gegen Stürze und Gebrechlichkeit. Besonders relevant ist das für Menschen ab 50, für Frauen in und nach den Wechseljahren und für alle, die schon mit wenig Muskulatur starten.

Wichtig zur Einordnung: Die Autoren sprechen bewusst von einer „hypothetisierten“ Verwundbarkeit. Ob der Verlust an Magermasse unter GLP-1 tatsächlich zu klinisch relevanten Einbußen bei Kraft und Alltagsfunktion führt, ist noch nicht abschließend geklärt. Einige Daten deuten darauf hin, dass sich die Muskelqualität (z. B. weniger Fetteinlagerung im Muskel) sogar verbessern kann.


2. Die Idee: Kreatin als „Begleitschutz“ für den Muskel

Kreatin ist eine körpereigene Substanz, die zu etwa 95 Prozent in der Skelettmuskulatur gespeichert ist – überwiegend als Phosphokreatin. Der Körper verbraucht täglich rund 1–2 Gramm, etwa die Hälfte stellt er selbst her, den Rest nehmen wir über Fleisch und Fisch auf. Genau hier steckt ein erster, oft übersehener Punkt: Wer unter der Abnehmspritze deutlich weniger isst – vor allem weniger Fleisch und Fisch –, nimmt vermutlich auch weniger Kreatin über die Nahrung auf. Ostojic hat in früheren Arbeiten bereits gezeigt, dass Menschen mit restriktiven Ernährungsformen häufig unter 1 Gramm Kreatin pro Tag liegen.

Die Autoren schlagen drei Wirkwege vor, über die Kreatin-Monohydrat den Muskel während der GLP-1-Therapie unterstützen könnte – jeweils ausdrücklich mit dem Vermerk „to be tested“, also noch zu prüfen:

•     Zelluläre Energieversorgung: Kreatin erhöht die Phosphokreatin-Speicher und puffert ATP, die „Energiewährung“ der Zelle. Gerade im Energiedefizit könnte das die Muskelzelle entlasten.

•     Neuromuskuläre Funktion: Kreatin kann Kraft, Schnellkraft und Ermüdungswiderstand verbessern – das ist bei Sportlern und älteren Menschen gut belegt.

•     Muskelqualität: Kreatin könnte helfen, Muskelmasse, Leistungsfähigkeit und metabolische Widerstandskraft zu erhalten – unter anderem über anabole Signalwege und die Aufnahme von Glukose in den Muskel.

Das übergeordnete Ziel nennen die Autoren „Verbesserung der Qualität der Gewichtsabnahme“: mehr erhaltenes Muskelgewebe im Verhältnis zum Fettverlust, bessere Kraft, Mobilität und Funktion sowie langfristig mehr metabolische und funktionelle Belastbarkeit. Ein Gedanke, den ich sehr unterstütze: Es geht nicht darum, wie viel du abnimmst, sondern was du abnimmst.


3. Was spricht dafür?

Die Idee kommt nicht aus dem Nichts. Kreatin gehört zu den am besten untersuchten Supplementen überhaupt – mit Hunderten kontrollierten Studien:

•     Ältere Erwachsene: Eine Metaanalyse (Chilibeck et al., 2017) zeigte, dass Kreatin in Kombination mit Krafttraining im Schnitt rund 1,4 kg mehr Magermasse und stärkere Kraftzuwächse bringt als Krafttraining allein.

•     Muskelschwund bei Krankheit und Inaktivität: Es gibt Hinweise, dass Kreatin den Muskelabbau bei Ruhigstellung oder in bestimmten Krankheitssituationen abschwächen kann – die Daten sind hier aber gemischt.

•     Sicherheit: In üblichen Dosierungen von 3–5 g pro Tag gilt Kreatin-Monohydrat bei gesunden Menschen als sehr sicher, auch über Jahre. Es ist günstig, leicht verfügbar und einfach einzunehmen.

•     Stoffwechsel: Experimentelle und klinische Daten deuten darauf hin, dass Kreatin – vor allem zusammen mit Training – die Glukoseaufnahme in den Muskel verbessern kann (u. a. über AMPK und GLUT-4).

Ostojic und Galyean sind übrigens nicht allein: Bereits im April 2026 hat eine Gruppe um Felipe Ribeiro, Darren Candow und Scott Forbes im Journal of Nutritional Physiology eine ganz ähnliche Perspektive veröffentlicht und Kreatin plus Krafttraining als vielversprechende Kombination für Menschen unter Inkretin-Therapie beschrieben. Das Thema ist also in der Wissenschaft angekommen.


4. Kritische Einordnung: Was die Studie NICHT zeigt

So spannend die Idee ist – hier ist Ehrlichkeit gefragt. Und die Autoren sind selbst sehr ehrlich: Im „Important Note“ ihrer Grafik steht, dass Kreatin bei Patienten unter GLP-1-Therapie bisher in keiner einzigen randomisierten kontrollierten Studie untersucht wurde. Das bedeutet:

•     Es ist ein Meinungsbeitrag, keine Studie. Es wurden keine Patienten untersucht, keine neuen Daten erhoben. Es handelt sich um eine begründete Hypothese – einen Forschungsaufruf.

•     Übertragbarkeit ist nicht garantiert. Dass Kreatin bei älteren Trainierenden wirkt, heißt nicht automatisch, dass es bei Menschen mit starkem Kaloriendefizit, Übelkeit und wenig Bewegung genauso wirkt. Viele Kreatin-Effekte zeigen sich vor allem in Kombination mit Krafttraining.

•     Achtung Messfalle: Kreatin lagert Wasser in den Muskel ein – oft 1–2 kg in den ersten Wochen. In DXA- oder BIA-Messungen erscheint das als „Magermasse“. Ein scheinbarer Muskelerhalt könnte also teilweise nur Wasser sein. Künftige Studien müssen daher Kraft und Funktion messen, nicht nur Körperzusammensetzung.

•     Verträglichkeit: GLP-1-Medikamente verursachen häufig Übelkeit, Völlegefühl oder Durchfall. Hohe Kreatin-Dosen (z. B. „Ladephasen“ mit 20 g/Tag) können den Magen-Darm-Trakt zusätzlich belasten.

•     Laborwerte: Kreatin erhöht den Kreatininwert im Blut. Das kann eine eingeschränkte Nierenfunktion vortäuschen. Wer Kreatin nimmt, sollte das dem Arzt sagen – bei bekannten Nierenerkrankungen gehört die Einnahme ohnehin in ärztliche Hände.

Außerdem ist wichtig: Die Basis für den Muskelerhalt ist bereits gut bekannt – und sie heißt nicht Kreatin. Aktuell laufen Studien wie LEAN-PREP (BMJ Open 2026, 232 Teilnehmende, 6 Monate), die prüfen, wie gut Krafttraining und eine Eiweißzufuhr von 1,6 g pro kg Körpergewicht die Muskulatur unter Semaglutid und Tirzepatid schützen. Parallel werden Medikamente wie Myostatin-Hemmer erforscht. Kreatin wäre in diesem Konzept ein mögliches Zusatz-Werkzeug – nicht das Fundament.


5. Was bedeutet das konkret für dich?

Wenn du eine Abnehmspritze nutzt oder darüber nachdenkst, hier meine Empfehlungen aus der Praxis – in der richtigen Reihenfolge:

•     1. Krafttraining – nicht verhandelbar. 2–3 Einheiten pro Woche mit den großen Muskelgruppen (Beine, Hüfte, Rücken, Brust, Schultern). Der Muskel braucht einen Grund, erhalten zu bleiben. Ohne Belastungsreiz verpufft auch jedes Supplement.

•     2. Eiweiß priorisieren. Richtwert: etwa 1,2–1,6 g Protein pro kg Körpergewicht (bei starkem Übergewicht eher bezogen auf das Zielgewicht). Iss das Eiweiß zuerst, wenn der Appetit gering ist. Proteinshakes können helfen.

•     3. Kreatin als optionale Ergänzung. Wenn du es ausprobieren möchtest: 3–5 g Kreatin-Monohydrat täglich, ohne Ladephase, gerne zu einer Mahlzeit. Achte auf geprüfte Qualität (z. B. „Creapure“). Rechne damit, dass die Waage anfangs 1–2 kg mehr anzeigt – das ist Wasser im Muskel, kein Fett.

•     4. Ausreichend trinken. Unter GLP-1 wird oft zu wenig getrunken; bei Erbrechen oder Durchfall steigt das Risiko für Flüssigkeitsmangel.

•     5. Mit Arzt oder Ärztin absprechen. Vor allem bei Nierenerkrankungen, Diabetes-Medikation oder anderen Vorerkrankungen. Und: Bei Blutuntersuchungen die Kreatin-Einnahme erwähnen.

•     6. Kraft messen, nicht nur Gewicht. Beobachte, wie sich deine Kraftwerte, Treppensteigen oder Aufstehen vom Stuhl entwickeln. Das sagt mehr über deine Muskelgesundheit als jede Zahl auf der Waage.


Fazit

Ostojic und Galyean liefern keinen Beweis, sondern eine gut begründete Frage: Kann Kreatin die Qualität der Gewichtsabnahme unter GLP-1-Medikamenten verbessern? Die biologische Logik ist schlüssig, das Supplement ist sicher, günstig und gut untersucht – nur eben noch nicht in dieser Situation. Bis randomisierte Studien vorliegen, gilt: Krafttraining und ausreichend Eiweiß sind das Fundament, Kreatin ist ein vernünftiger, aber noch unbewiesener Baustein obendrauf. Die Spritze hilft dir, Fett zu verlieren. Deine Muskeln behalten musst du selbst.

Quellen

1.     Ostojic SM, Galyean S. Creatine for Glucagon-Like Peptide-1-Associated Muscle Loss. Clinical Nutrition, Opinion Paper, online 21.09.2026.

2.     Ribeiro F, Forbes SC, Candow DG et al. Creatine supplementation for preventing muscle atrophy in patients taking incretin-based pharmacotherapies: a perspective. The Journal of Nutritional Physiology, 2026.

3.     Wilding JPH et al. Once-weekly semaglutide in adults with overweight or obesity (STEP 1). N Engl J Med 2021;384:989–1002 (inkl. DXA-Substudie).

4.     Jastreboff AM et al. Tirzepatide once weekly for the treatment of obesity (SURMOUNT-1). N Engl J Med 2022;387:205–216.

5.     Chilibeck PD et al. Effect of creatine supplementation during resistance training on lean tissue mass and muscular strength in older adults: a meta-analysis. Open Access J Sports Med 2017;8:213–226.

6.     Alawadhi AA et al. LEAN-PREP: Lean mass preservation with resistance exercise and protein during semaglutide and tirzepatide therapy – study protocol. BMJ Open 2026.


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