Mounjaro vs. VK2735 - Was die neuen Erhaltungsdaten von Viking Therapeutics wirklich zeigen

 


Worum geht es?

Heute Morgen hat das US-Biotech-Unternehmen Viking Therapeutics neue Ergebnisse zu seinem Abnehmwirkstoff VK2735 veröffentlicht. Die Aktie ist daraufhin um rund 40 % gestiegen, und in den sozialen Medien kursieren bereits Grafiken mit Schlagzeilen wie „Bis zu 97 % des Gewichtsverlusts erhalten“ – teils direkt neben dem Namen Mounjaro.

Klingt spektakulär. Aber was steckt dahinter? In diesem Beitrag schauen wir uns die Studie genau an: wie sie aufgebaut war, was die Zahlen bedeuten, wo die Grenzen liegen – und was das Ganze für Dich bedeutet, wenn Du selbst mit einer Abnehmspritze arbeitest oder darüber nachdenkst.

Was ist VK2735 überhaupt?

VK2735 ist – genau wie Tirzepatid (Mounjaro) – ein dualer Agonist, der gleichzeitig an zwei Hormonrezeptoren andockt: am GLP-1-Rezeptor und am GIP-Rezeptor. Beide Hormone werden natürlicherweise im Darm nach dem Essen ausgeschüttet. Sie steigern das Sättigungsgefühl, verlangsamen die Magenentleerung und verbessern die Insulinantwort.

Wichtig für die Einordnung: Pharmakologisch spielen VK2735 und Mounjaro in derselben Liga. Es ist kein völlig neues Wirkprinzip, sondern ein Konkurrenzprodukt mit demselben Grundmechanismus. Viking entwickelt den Wirkstoff sowohl als Spritze als auch als Tablette. Laut Unternehmen hat VK2735 ein besonders günstiges pharmakokinetisches Profil – vereinfacht: Er bleibt lange genug im Körper, um auch mit selteneren Injektionen wirksam zu sein. Genau das sollte die neue Studie prüfen.

Das Problem, das die Studie lösen will

Die großen Studien der letzten Jahre haben ein klares Bild gezeichnet: Wer eine GLP-1-basierte Spritze absetzt, nimmt einen großen Teil des verlorenen Gewichts wieder zu. In der SURMOUNT-4-Studie mit Tirzepatid nahmen Teilnehmende, die nach 36 Wochen auf Placebo umgestellt wurden, im folgenden Jahr im Schnitt rund 14 % ihres Körpergewichts wieder zu – während die Gruppe, die weiterbehandelt wurde, noch einmal etwa 5,5 % abnahm.

Daraus ergibt sich die zentrale Frage: 

Muss man nach der Abnehmphase dauerhaft die volle Dosis spritzen – oder reicht eine niedrigere, seltenere „Erhaltungsdosis“? Das wäre günstiger, bequemer und möglicherweise besser verträglich. Genau hier setzt die neue Viking-Studie an.

So war die Studie aufgebaut

Es handelt sich um eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie der Phase 1 mit rund 180 Erwachsenen mit Adipositas (BMI ≥ 30), die ansonsten gesund waren. Die Studie lief über 33 Wochen und bestand aus zwei Abschnitten:

     Induktionsphase (Woche 0–21): wöchentliche Spritze mit VK2735 oder Placebo. Die Dosis wurde zügig alle zwei Wochen gesteigert – von 1,25 mg bis zu Zieldosen von 15, 17,5, 20 oder 22,5 mg pro Woche.

     Erhaltungsphase (Woche 21–33): Die mit VK2735 behandelten Teilnehmenden wurden erneut zufällig eingeteilt – auf eine Spritze alle zwei Wochen (5, 7,5 oder 10 mg), auf eine Spritze pro Monat (10 bis 22,5 mg) oder auf Placebo. Eine kleine Kontrollgruppe spritzte einfach weiter wöchentlich 17,5 mg.

Gemessen wurde vor allem, welcher Anteil des bis Woche 21 erreichten Gewichtsverlusts bis Woche 33 erhalten blieb. Wichtig: Alle Gewichtsendpunkte waren laut Unternehmen explorativ – das heißt, die Studie war in erster Linie auf Sicherheit, Verträglichkeit und Pharmakokinetik ausgelegt.

Die Ergebnisse im Detail

1. Abnehmphase: 16 bis 19 % in 21 Wochen

Nach 21 Wochen hatten die VK2735-Gruppen je nach Dosis zwischen 16,3 und 18,7 % ihres Ausgangsgewichts verloren – im Schnitt rund 17 bis 18,6 kg. Die Placebogruppe blieb praktisch unverändert (–0,1 %). Eine Abflachung der Gewichtskurve („Plateau“) war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennbar.

Wochendosis (Woche 21)

Teilnehmende

Gewicht (kg)

Gewicht (%)

Placebo

15

–0,1

–0,1 %

VK2735 15 mg

14

–17,0

–16,3 %

VK2735 17,5 mg

118

–17,0

–17,8 %

VK2735 20 mg

15

–18,6

–18,7 %

VK2735 22,5 mg

14

–17,2

–17,1 %

Tabelle 1: Gewichtsveränderung nach 21 Wochen wöchentlicher Behandlung (alle VK2735-Gruppen p < 0,0001 vs. Placebo). Quelle: Viking Therapeutics, 22.09.2026.

Von allen VK2735-Behandelten erreichten 98 % mindestens 5 % Gewichtsverlust, 90 % mindestens 10 %, 65 % mindestens 15 % und 32 % mindestens 20 %. In der Placebogruppe schaffte niemand mehr als 10 %.

2. Erhaltungsphase: Hier kommt die „97 %“ her

Erhaltungsschema (Woche 21–33)

Teilnehmende

Erhalten

p vs. Placebo

Placebo (Absetzen)

27

61 %

5 mg alle 2 Wochen

12

83 %

0,004

7,5 mg alle 2 Wochen

13

90 %

< 0,0001

10 mg alle 2 Wochen

12

97 %

< 0,0001

alle 2 Wochen gesamt

37

90 %

< 0,0001

10–22,5 mg monatlich (je Dosis)

10–16

82–90 %

0,0002–0,0024

monatlich gesamt

65

85 %

< 0,0001

Tabelle 2: Anteil des bis Woche 21 erreichten Gewichtsverlusts, der nach Woche 33 noch erhalten war. Quelle: Viking Therapeutics, 22.09.2026.

Die viel zitierten 97 % stammen also aus einer einzigen Gruppe: 12 Personen, die 10 mg alle zwei Wochen erhielten. Über alle Zwei-Wochen-Schemata hinweg lag der Wert bei 90 %, bei monatlicher Gabe bei 85 %. Das ist ein gutes Ergebnis – aber eben „bis zu“ 97 %, nicht 97 % für alle.

Ein Rechenbeispiel macht es greifbar: 

Wer von 100 kg auf 82 kg abgenommen hat (–18 kg), hätte mit 97 % Erhalt nach drei Monaten rund 0,5 kg wieder zugenommen. Mit 85 % (monatliche Spritze) wären es knapp 3 kg. In der Placebogruppe dagegen – also nach dem Absetzen – waren es rund 7 kg in nur 12 Wochen.

3. Der vielleicht wichtigste Befund: die Placebogruppe

Die Placebogruppe wird in den Schlagzeilen kaum erwähnt, ist aber aus meiner Sicht die eigentliche Botschaft. Nach dem Absetzen blieben nach nur drei Monaten lediglich 61 % des Gewichtsverlusts übrig. Fast 40 % des mühsam verlorenen Gewichts waren innerhalb von 12 Wochen wieder da. Das bestätigt eindrucksvoll, was wir aus SURMOUNT-4 und STEP-1 kennen: Die Spritze wirkt, solange man sie nimmt. Die Ursachen des Übergewichts verschwinden dadurch nicht.

4. Weiterspritzen mit voller Dosis

Die kleine Gruppe (13 Personen), die einfach wöchentlich 17,5 mg weiterspritzte, kam nach 33 Wochen auf 21,7 % Gewichtsverlust – ohne Plateau. Das ist beachtlich, aber bei 13 Personen statistisch sehr wackelig und nicht mit den großen Zulassungsstudien vergleichbar.

5. Verträglichkeit

In der Abnehmphase brach trotz des schnellen Dosisanstiegs nur 1 % der Teilnehmenden wegen Nebenwirkungen ab. Die Beschwerden betrafen wie üblich vor allem den Magen-Darm-Trakt (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) und waren überwiegend mild. In der Erhaltungsphase lagen die Magen-Darm-Nebenwirkungen auf Placebo-Niveau; Übelkeit trat bei rund 5 % auf und war durchweg leicht. Das ist plausibel: Wer die Dosis reduziert, hat meist weniger Beschwerden.

Mounjaro vs. VK2735 – ist VK2735 besser?

Kurze Antwort: Das lässt sich aus diesen Daten nicht sagen. Es gibt keinen direkten Vergleich zwischen beiden Wirkstoffen. Die Studiendesigns, Laufzeiten und Teilnehmerzahlen sind völlig unterschiedlich. Wer die Viking-Zahlen neben die Mounjaro-Zahlen stellt, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Spannend ist aber: Auch für Tirzepatid gibt es inzwischen Daten zu niedrigeren Erhaltungsdosen. In der im Mai 2026 in The Lancet veröffentlichten SURMOUNT-MAINTAIN-Studie erhielten Teilnehmende nach 60 Wochen Abnehmphase ein Jahr lang entweder die volle Dosis, nur 5 mg pro Woche oder Placebo. Ergebnis nach insgesamt 112 Wochen: –21,9 % (volle Dosis), –16,6 % (5 mg) und –9,9 % (Placebo). Zwei Drittel der Placebogruppe hatten mindestens die Hälfte des verlorenen Gewichts wieder zugenommen, bei 5 mg nur ein Viertel.

Das Prinzip „nach der Abnehmphase mit weniger Wirkstoff weitermachen“ ist also keine Viking-Erfindung. Der mögliche Vorteil von VK2735 liegt in der Häufigkeit: Eine Spritze nur alle zwei Wochen oder einmal im Monat wäre im Alltag bequemer als eine wöchentliche Injektion. Rein rechnerisch bedeutet 10 mg alle zwei Wochen rund 70 % weniger Wirkstoff als 17,5 mg pro Woche – was sich langfristig auch auf die Kosten auswirken könnte. Ob das im Alltag über Jahre funktioniert, müssen aber erst größere Studien zeigen.

Die Grenzen der Studie – kritisch betrachtet

Was Du bei den Schlagzeilen im Hinterkopf behalten solltest

     Pressemitteilung, keine Publikation: Die Daten sind „Topline“-Ergebnisse des Herstellers und wurden noch nicht von unabhängigen Fachleuten begutachtet.

     Phase-1-Studie: Die Gewichtsendpunkte waren explorativ. Die Studie war primär für Sicherheit und Pharmakokinetik ausgelegt.

     Sehr kleine Gruppen: Die einzelnen Erhaltungsarme hatten nur 10 bis 16 Teilnehmende. Die 97 % beruhen auf 12 Personen.

     Kurze Erhaltungsphase: 12 Wochen sind ein Blick durchs Schlüsselloch. Gewichtserhalt entscheidet sich über Jahre, nicht über Monate.

     Keine Angaben zur Körperzusammensetzung: Wir wissen nicht, wie viel des Gewichtsverlusts Fett und wie viel Muskulatur war.

     Ausgewählte Teilnehmende: Menschen mit Adipositas, die ansonsten gesund waren – nicht repräsentativ für den Praxisalltag.

     Kein direkter Vergleich mit Mounjaro, Wegovy oder anderen Präparaten.

 

Hinzu kommt: VK2735 ist noch nicht zugelassen. Die großen Phase-3-Studien laufen: VANQUISH-1 mit rund 4.500 Teilnehmenden und VANQUISH-2 mit rund 1.000 Menschen mit Typ-2-Diabetes, jeweils über 78 Wochen. Erste Ergebnisse werden für 2027 erwartet. Eine Zulassung in Europa dürfte realistisch betrachtet noch mehrere Jahre entfernt sein. Die Tablettenform soll laut Viking noch 2026 in Phase 3 gehen.

Was bedeutet das für Dich?

Die Studie liefert ein wichtiges Signal: Nach einer erfolgreichen Abnehmphase könnte eine deutlich niedrigere, seltener gespritzte Dosis ausreichen, um das Gewicht weitgehend zu halten. Das ist eine gute Nachricht für alle, die sich eine langfristige Therapie nicht mit voller Dosis vorstellen können – finanziell oder wegen der Nebenwirkungen.

Gleichzeitig zeigt die Placebogruppe schonungslos, was passiert, wenn das Medikament wegfällt und sonst nichts verändert wurde. Deshalb ist meine Botschaft seit Jahren dieselbe:

     Die Spritze ist ein Werkzeug, keine Lösung. Sie senkt Hunger und Appetit – die Ursachen wie Essgewohnheiten, Bewegungsmangel oder emotionales Essen bleiben.

     Krafttraining ist Pflicht, nicht Kür. Bei schnellem Gewichtsverlust geht auch Muskelmasse verloren. Muskulatur ist Dein wichtigster Verbündeter, um den Grundumsatz zu stützen und das Gewicht später zu halten.

     Eiweiß im Blick behalten. Wer durch die Spritze weniger isst, sollte besonders auf ausreichend Protein achten, um Muskeln zu schützen.

     Die Erhaltungsphase aktiv gestalten. Ob mit voller Dosis, reduzierter Dosis oder ganz ohne Medikament – die Zeit nach dem Abnehmen braucht einen Plan für Ernährung, Bewegung und Verhalten.

     Dosisänderungen nur ärztlich begleitet. Reduziere oder setze Dein Medikament niemals eigenständig ab.

Die entscheidende Frage der Zukunft lautet nicht mehr nur: Wie viel Gewicht kann ich verlieren? 

Sondern: Wie halte ich es dauerhaft? Medikamente können dabei helfen. Die Grundlage bleiben aber Muskeln, Ernährung und Gewohnheiten, die ein Leben lang tragen.


Quellen

1.       Viking Therapeutics: Positive Topline Results from Maintenance Study of GLP-1/GIP Agonist VK2735. Pressemitteilung, 22.09.2026. ir.vikingtherapeutics.com

2.       Viking Therapeutics: Completion of Enrollment in Phase 3 VANQUISH-2 Trial of VK2735. Pressemitteilung, 26.03.2026.

3.       Horn DB et al.: Tirzepatide for maintenance of bodyweight reduction in people with obesity (SURMOUNT-MAINTAIN). The Lancet, Mai 2026.

4.       Aronne LJ et al.: Continued Treatment With Tirzepatide for Maintenance of Weight Reduction in Adults With Obesity (SURMOUNT-4). JAMA 2024;331(1):38–48.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. VK2735 ist ein Prüfpräparat und derzeit nicht zugelassen. Bitte triff Entscheidungen zu Abnehmmedikamenten immer gemeinsam mit Deiner Ärztin oder Deinem Arzt.

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